Liebe Nachbarn, ich möchte mich für mein Kind entschuldigen

Liebe Nachbarn,

ich möchte mich an dieser Stelle aus tiefstem Herzen dafür entschuldigen, dass ich ein aktives und gesundes Kind zu Hause habe. Ich finde es auch echt einfach nur unmöglich, dass meine Tochter so lebensfroh ist. Und darüber hinaus habe ich vollstes Verständnis dafür, dass Sie um 1 Uhr morgens an meiner Tür klingeln, weil meine Kleine nicht schlafen konnte und viel geweint hat. Vielleicht hatte sie einen Alptraum. Oder einfach nur Bauchschmerzen. Aber das ist Ihnen egal. Sie müssen früh aufstehen, sagen Sie. Sie müssen arbeiten, sagen Sie. Ja, denn mein Mann und ich, wir müssen das nicht. Unsere Gehälter kommen ganz automatisch auf unsere Konten, ohne einen einzigen Finger zu krümmen. Und schlafen tuen wir auch nicht gerne. Schlafen ist ja sowieso total überbewertet, oder? Wer ist schon gerne entspannt und ausgeschlafen? Deswegen ist es uns auch lieber, dass unsere Tochter unerbittlich weint, wir mit ihr leiden, während wir versuchen sie zu trösten und zu beruhigen. Aber hey, beim nächsten Mal mache ich das ganz anders. Denn Sie, meine neue Muse, haben mich zu einer neuen Taktik inspiriert: ich setze ich mich mit meiner 20 Monate alten Tochter hin und führe ein ganz ernstes Gespräch mit ihr, so von Mutter zu Baby. Ich werde dann natürlich auch nebenbei mal den Knopf an ihr suchen, mit dem ich die Lautstärke ausschalten kann, ist doch selbstverständlich.

Es tut mir wirklich sehr leid, dass Sie anscheinend vergessen haben müssen, auch mal ein Kind gewesen zu sein. Aber ich bin mir durchaus sicher, dass Sie immer brav waren und nie geweint haben. Denn ein Kind hat gefälligst ruhig zu sein und darf niemals laut sein. Darüber hinaus hatten Sie mit fast zwei Jahren bestimmt bereits die Gabe, fließend zu sprechen, mit ihren Eltern zu kommunizieren und ihnen ihre Wünsche und Wehwehchen direkt mitzuteilen. Sie müssen ein ganz außergewöhnliches Kind gewesen sein. Ihre Eltern waren bestimmt sehr stolz auf Sie.

Es tut mir auch sehr leid, dass Sie sich extra die Mühe machen mussten, um unseren Vermieter anzurufen und sich über die Lautstärke zu beschweren. Schade, dass der Vermieter so kinderfreundlich ist und ihre Beschwerde nicht ernst genommen hat. Leider hat auch ihr Zettel im Flur mit dem Hinweis auf die Ruhezeiten leider seine Wirkung verfehlt, da Babies und Kleinkinder keine Ruhezeiten einhalten müssen. 

Und es hat den Anschein, dass mein Mann und ich einen kleinen weiblichen Ronaldo großziehen. Und das sogar ohne einen Ball zu Hause. Wow, DAS nenne ich mal ein Talent der ganz besonderen Art. Denn anscheinend wird bei uns ja Fußball gespielt, haben Sie gesagt. Ich denke, ich verzichte auf die zukünftigen Ballettstunden im süßen rosa Tutu und investiere lieber in einen Ball. Vielleicht bekomme ich dieses Talent dann auch ja auch mal zu sehen. Ich finde es übrigens super von ihnen, dass sie so unglaublich mutig sind und den Vermieter vorschicken um sich zu beschweren. Woraufhin wir dann bei Ihnen vor der Tür stehen und klingeln, um ihnen das kleine Fußballtalent zu zeigen, Sie aber anscheinend etwas sehr ansteckendes haben müssen, da Sie die Tür nicht öffnen wollen. Ihr Tipp mit „geht zurück in euer Kuhdorf“ durch die geschlossene Tür hinweg war wirklich äußerst entzückend und wir wissen gar nicht wohin mit so viel Freundlichkeit. Nicht nur kinderfeindlich, sondern auch rassistisch. Wie vielfältig und kreativ Sie doch sind. Allerdings finden wir, dass Sie in einem Kuhdorf viel besser aufgehoben wären als wir. Ruhe und Idylle pur. Wäre doch perfekt für Sie? Übrigens, so ganz unter uns: der genervte Vermieter denkt bereits über eine Kündigung bei Ihnen nach, da wäre doch der Umzug ins Kuhdorf ein perfektes Timing? Denn anscheinend haben Sie vor wegen dem Lärm nicht mehr die Miete zu zahlen. Sie kleiner Rebell, Sie!

Also liebe Nachbarn, Kinder und Lärm. Sie gehören zusammen wie Michael Jackson und der Moonwalk. Wie Daniela Katzenberger und ihr wasserstoffblondes Haar. Wie Lasagne und Sauce Béchamel. Brauchen Sie noch mehr Beispiele? Nein? Dann haben Sie sicher verstanden worauf ich hinaus will. Ohneeinander sind sie einfach nicht mehr das was sie waren. Ich gebe ja zu, dass ich in manchen Momenten, wenn meine Tochter anfängt hysterisch zu weinen, nur weil sie es nicht hinbekommt, den Reissverschluss von der Laptoptasche zu öffnen, ich auch schon so einige Male genervt die Augen verdreht habe. Ich bekenne mich schuldig! Aber ich bin auch nur ein Mensch im Endeffekt. So wie Sie auch, denken Sie sich. Da fällt mir aber dieser schöne Spruch dazu ein: „Niemand kann immer ein Held sein, aber er kann immer ein Mensch sein.“

4 Comments

  • 3 months ago

    Phew. Ich glaube so unverständliche Nachbarn braucht keiner.
    Liebe Grüße an dich!

  • 3 months ago

    Sehr lustig geschrieben. Musste so lachen 😀 Ich hoffe deine Nachbarn lesen das auch und haben in Zukunft etwas mehr Verständnis… 😉
    Liebste Grüße Tamara

  • sueray
    3 months ago

    Toll geschrieben, habe sehr gerne lesen 🙂 Außerdem wünsche ich euch weiterhin starke Nerven…

  • Anett
    3 months ago

    Unglaublich, was du wieder erleben musstest……
    Wie gut, dass du in der neuen Heimat sicher nettere Nachbarn haben wirst 😉 Liebste Grüße

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